27. September 2022 – von chrinamu

Der Tag beginnt um 6 Uhr mit einer warmen Dusche. Dieser Satz wäre 2021 noch banal gewesen, ist dieses Jahr angesichts der Energiekrise und der entsprechenden Sparkampagnen insbesondere schwäbischer Politiker aber ein Politikum – eine Kollegin erzählte mir neulich, dass Winfried Kretschmann regelmäßig von empörten Bürger*innen Waschlappen zugeschickt bekomme. Daher kann ich den Impuls kaum unterdrücken, mich für meine Dusch- und Heizpraxis zu rechtfertigen – obwohl ich weiß, dass erstens das Sparpotenzial der Privathaushalte im Vergleich zur weitgehend unbehelligten Industrie bescheiden ist und zweitens die allermeisten Menschen sich von Sparaufrufen der Politik ohnehin nicht beeindrucken lassen.

Ich arbeite heute zu Hause, also lasse ich mir etwas mehr Zeit beim Frühstück, da der Weg ins Büro ja wegfällt, der mich sonst 45 Minuten kostet. Es gibt schwarzen Kaffee und Marmeladenbrote (selbstgemachte Apfelmarmelade und gekaufte Erdbeerkonfitüre); ich trödele ein wenig herum, was ich an solchen Tagen entspannender finde, als länger zu schlafen. Der Liebste ist die ganze Woche beruflich unterwegs. Die schwarze Katze setzt sich auf meinen Schoß, während ich noch am Küchentisch vor mich hin träume; die dreifarbige liegt bereits auf dem Sofa in Homeoffice-Bereitschaft.

Draußen ist es noch dunkel, es sind Regen und klamme 12 Grad angesagt. Der September ist dieses Jahr außergewöhnlich herbstlich. Normalerweise bedauere ich hier im Süden jedes Jahr, dass die Freibäder schon zu haben, obwohl es noch warm genug wäre. Dennoch finde ich es irgendwie gemütlich, statt wehmütig zu sein. (Am Anfang mag ich wirklich jede Jahreszeit, nur am Ende will ich sie alle loswerden.) Immerhin haben wir in der Wohnung noch 18 Grad, ich lasse also die Heizung weiterhin aus und habe dafür den dicken grauen Rollkragenpullover zu Jeans und dicken Socken angezogen.

Um viertel nach sieben ist es einigermaßen hell, ich habe mir die Zähne geputzt und ein wenig aufgeräumt und öffne den Laptop. Bevor ich mich aber an die Mailpostfächer wage, nehme ich ein leeres weißes Worddokument zur Hand und halte die friedliche Morgenstimmung fest. Der gestrige Arbeitstag war eher stressig, und ich ahne, dass die ersten Mails, die mich erwarten, mir das in Erinnerung rufen werden; außerdem stehen heute zwei Videokonferenzen und vermutlich auch einige Telefonate mit dem Abteilungsleiter an. Um viertel vor acht bin ich bereit für den Dienstag.

Unerfreuliche Mails sind noch gar keine da, dafür Twitter mit Germanistiktag, Soziologiekongress, Kommentaren zum Wahlsieg der Faschist*innen in Italien, Identitätspolitik und Biedermeier. Ich erledige einige Kleinigkeiten, bereite mich auf die Sitzung um 10 Uhr vor, in der ich drei Anliegen vortragen muss, und bekomme eine Nachricht von A., der sich für meinen gestern Abend geschriebenen Blogbeitrag über die Fahrraddemo am vergangenen Wochenende bedankt. Dann geht es los mit der ersten Videokonferenz, die etwas offizielleren Charakter hat und bis halb zwölf dauern wird; wegen der WLAN-Stabilität habe ich mich dafür auf den Sessel am Fenster gesetzt. Aus meiner Sicht läuft die Konferenz überraschend erfreulich. Die Katzen verschlafen sie auf der Fensterbank über meinem Kopf.

Danach beantworte ich noch ein paar Mails, ziehe mir schnell Schuhe an und laufe zum Uhrmacher gegenüber, um mir endlich eine neue Batterie für meine Armbanduhr zu besorgen. (Immer noch bin ich begeistert davon, wie viele nützliche Geschäfte in unserer Straße direkt gegenüber liegen.) Der Uhrmacher ist sicherlich schon um die 70 Jahre alt und beugt sich schnaufend über meine Uhr, es ist außer mir niemand im Laden. Ein strenger Geruch nach Vergänglichkeit liegt in der Luft, in der lückenhaften Auslage sehe ich neben altmodischen Kinderuhren auch »Schmeichler« (glattgeschliffene Halbedelsteine) und Schmuckanhänger mit dem Schild »Dein Sternzeichen in Gold«.

Wieder zurück in der Wohnung mache ich mir die Reste vom gestrigen Abendessen warm (Tortellini mit Gemüse) und höre Nachrichten im Radio, da ich ausnahmsweise rechtzeitig daran gedacht habe, sie einzuschalten. Vermutlich ist das dem Uhrmacher zu verdanken. Olaf Scholz hat Corona (ich kann mich immer noch nicht ganz daran gewöhnen, dass er nun Kanzler ist). Friedrich Merz hat in Bezug auf Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine von »Sozialtourismus« gesprochen und ist danach beflissen zurückgerudert. Deutschland hat den drittgrößten Bevölkerungszuwachs seit 1945, eben aufgrund der Ukraineflüchtlinge. Die Politik debattiert darüber, wie sie die durch den Krieg entstandene Inflation und dito Energiekrise für die Bürger lindern kann. Im Iran wird weiterhin gegen die staatliche Unterdrückung protestiert; Demonstrantinnen werden getötet.

Ich schalte das Radio aus und erledige den Abwasch, den ich dank der Energiekrise nun immer mal etwas länger aufschiebe. Manchmal kommt Sparen der Bequemlichkeit ja auch entgegen. Um 13 Uhr sitze ich wieder am Laptop, diesmal mit der dreifarbigen Katze auf dem Schoß. Ich erledige weiterhin Kleinkram, weil um 15 Uhr schon die nächste Sitzung ansteht, und koche mir kurz vorher noch eine Kanne Minztee. Die zweite Videokonferenz ist eine kleine und formlosere Runde, dauert aber auch eine ganze Stunde. Danach ruft mich der Personaler wegen Betriebsratsangelegenheiten an, und irgendwie ist es sehr schnell 17 Uhr. Der Abteilungsleiter hat sich nicht gemeldet, dabei sind wir morgen beide außer Haus bei einem Sondertermin und ich hatte auf ein paar Vorabinfos gehofft. Aber ich nehme an, er hat selber keine.

Ich klappe den Laptop zu, füttere die Katzen und gehe raus, mit dem Handy in der Jackentasche, falls der Abteilungschef doch noch anruft. Wider Erwarten hat es gar nicht viel geregnet heute, bisweilen blitzt sogar die Sonne durch. Wie so oft zum Feierabend, wenn ich zu Hause arbeite, laufe ich eine Runde durchs Viertel, dieses Ritual habe ich mir in der Pandemie angewöhnt – einmal am Tag vor die Tür, den Kreislauf in Schwung bringen, frische Luft atmen. Eine Frau mit einem etwa zweijährigen Kind im Buggy kommt mir entgegen. Das Kind trägt eine Haarspange in seinem kaum 1 cm langen Haar, offenbar soll es dadurch als Mädchen erkennbar sein.

Um kurz vor sechs bin ich zurück und schaue hoffnungsvoll in den Briefkasten, doch das monatlich erscheinende Stadtmagazin, das eine sehr gute Feierabendlektüre wäre, ist nicht da. Ich gehe hoch in die Wohnung, spiele ein bisschen mit den Katzen, schaue nach den sozialen Medien und lege die Wäsche zusammen, danach esse ich ein paar Käsebrote, während ich überlege, wie ich auf M.s Einladung zur Feier ihres Geburtstags antworten soll. Die Feier wäre schon am Freitag und in Hessen, ich müsste dafür also eine Übernachtung organisieren und schon mittags los – also mobil arbeiten im Zug, überlegen, ob ich das mit einem Familienbesuch verbinden kann etc. Ich bin unentschlossen und nehme mir vor, erst einmal meine Eltern anzurufen. Dafür muss ich allerdings noch etwas warten, bis sie ihre Abendroutine (Essen und Nachrichtenschauen) hinter sich haben. Einstweilen schreibe ich also am Tagebuchtext weiter. Die Katzen versuchen, beide gleichzeitig auf meinen Schoß zu passen, vielleicht ist es doch etwas kühl in der Wohnung.

Um halb acht rufe ich bei meinen Eltern an, meine Mutter geht ans Telefon. Seit unserem Fest vor einem Monat habe ich ein leicht schlechtes Gewissen, weil ich dort so wenig Zeit für meine Familie hatte (wie für die anderen Gäste auch). Wir tauschen ein bisschen Neuigkeiten aus und spekulieren über die anstehende Hochzeit meines Bruders. Meine Mutter meint, ich solle besser auch heiraten, für den Fall, dass der Liebste oder ich mal ins Krankenhaus kämen. Über den Gesundheitszustand der Großeltern und unseren Urlaub reden wir außerdem. Es kommt mir völlig unwirklich vor, dass ich vor weniger als zwei Wochen noch im sommerlich heißen Sevilla gewesen sein soll.

Nachher trinke ich den letzten Rest Minztee und lese weiter Zakiya Dalila Harris, The Other Black Girl. Der Plot des Buchs ist ein bisschen überzogen, aber irgendwie ist es doch recht unterhaltsam. Ein Büroroman über Rassismus im Verlagswesen, der auch ein bisschen Thriller und Satire zugleich sein möchte. Allmählich zeichnet sich ein Showdown ab, nur leider werde ich es heute Abend wohl nicht mehr ganz auslesen können. Zwischendurch schaue ich nämlich auch noch ausnahmsweise in die Arbeitsmails, aber niemand schreibt mehr etwas zu dem geheimnisvollen Sondertermin morgen. Ich werde also wohl einfach hinfahren und die Sache auf mich zukommen lassen. Vorerst aber sage ich M. für die Feier am Freitag ab und gehe gegen zehn Uhr schlafen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Webseite erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: