27. September 2020 – von Viktor Funk

Wann ist das eigentlich passiert? Hm, das muss ein paar Monate her sein. Da muss es einen Moment gegeben haben, als sich Flucht in Freude verwandelte.

März? Ne, das ist zu früh.

April, irgendwann im April. Ja, das kommt hin. Irgendwann im April habe ich gespürt, dass ich nicht mehr laufe, weil ich vor etwas fliehe, sondern laufe, weil es mich befreit, belebt und mir Kraft gibt. Als ich heute aus dem Büro zum Auto ging und daran dachte, dass ich gleich nach Hause komme, mich umziehe und loslaufe, da fühlte ich das wieder, die Vorfreude.

Am Anfang war die Flucht. Einfach in den Wald, dort tief atmen. Kühle feuchte Waldluft. Einfach atmen. Das beruhigte, das Herz schlug langsamer, die Tränen kamen, ich atmete durch. Ich floh immer häufiger, ich ließ meinen Sohn mit meinem Vater, der gekommen war, um mir zu helfen, und floh in den Wald.

Dann ging ich durch den Wald. Ich saß nicht mehr auf der Bank gegenüber dem Fußballfeld, ich ging die Wege lang und kam an den Weiher. Vor Jahren war ich einmal dort, habe ganz vergessen, dass er gar nicht so weit weg ist. Dann stand ich da, nackte Weiden um den kleinen See, eine einsame Kanadagans auf dem Wasser. Und Stille. Corona hatte den Flugverkehr über Frankfurt lahmgelegt und seitdem ist es still im Wald, nur Gezwitscher und Geflatter.

War heute wieder am Weiher. Der Weg dahin fällt leicht ab, ich muss mich manchmal bremsen, um nicht zu schnell zu laufen. Nachdem ich immer wieder zum Weiher gegangen war, bin ich einmal dahin gejoggt. Dann noch einmal und noch einmal. Dann kam mir die Strecke zu kurz vor, ich lief zum Weiher und zurück und am Waldrand nahm ich einen anderen Weg in den Wald, lief in entgegengesetzte Richtung, am Goetheturm vorbei und nach Hause.

Heute war eine Menschenschlange vor dem Turm, er ist jetzt wieder aufgebaut, aber noch nicht offiziell eröffnet, jetzt dürfen erst einmal nur einige Probebesucher hoch.

Am Weiher saß ein Pärchen auf einer Bank.  Er hatte seine Hände im Nacken zusammengelegt, sie saß neben ihm, sah ihn an. Er redete. Zwei Umrundungen lang. Dann bin ich weiter. Am Goetheturm war ein Pärchen an der Betonsäule, beide rauchten. Sie saß auf der Säule, er stand davor und redete. Vor der Holzbrücke über dem alten Wehrgraben kamen mir eine Frau und ein Pferd entgegen. Beide schwiegen.

Das war ein ganz schönes Stück. Den Weg von der Flucht zur Freude, meine ich. Es gab Tage, an denen dachte ich, es kann doch nicht noch schlimmer werden. Dann wachte ich am nächsten Morgen auf und es wurde noch schlimmer. Manchmal wachte ich auf, zog mich an und ging sofort raus. Einfach raus in den Nebel, in den Wald. Dann ging es einigermaßen. Es gibt da eine Stelle, die mich fasziniert. Ein breiter Weg, der ganz leicht nach links abfällt. Es ist eine kurze aber sanft verlaufende Biegung, man sieht nicht, was nach wenigen Metern kommt. Oder wer. Manchmal sind da Spaziergänger mit Hunden, ich mag Hunde, nur nicht ohne Leine im Wald. Manchmal sind da Kinder auf Fahrrädern und ich wechsle rasch die Seite. Meistens ist da nichts und niemand, aber wenn ich da langkomme, dann ist da ein kurzer Moment der Spannung.

Heute war die Luft am Abend so frisch, dass ich meinen Atem sah. Kleine Wölkchen vor meinem Gesicht. Komische Vorstellung in Zeiten von Corona: Was ich da ausatme, kann für andere gefährlich sein. Waren eh nur wenige Menschen im Wald, wenn ich die Leute zur Goetheturm-Erstbesteigung nicht mitzähle. Paar andere Läufer, keine Hunde, keine Radfahrer. Auch keine Rehe. Drei Mal schon habe ich da welche gesehen, aber nur in der Dämmerung. Erst vor einigen Tagen das letzte Mal. Das war sowieso ein Morgen, der viel in mir aufgewühlt hatte. Ich war abends verabredet, würde keine Zeit zum Laufen haben, also stellte ich den Wecker auf 6.20 Uhr und war um 6.30 Uhr im Wald. Leichter Nebel, das erste Mal in diesem Spätsommer. Kein Mensch weit und breit. Stille.

Der Weg zum Weiher zieht sich grade hin. Zwei Hunde in der Ferne. Ich stoppe. Die Hunde spielen, springen einander an, einer ist ein Schäferhund, die Rasse des anderen erkenne ich nicht. Ich gehe langsam, atme schnell, will umdrehen. Dann bleibe ich stehen. Umdrehen? Du musst da durch. Du hast Angst, du musst da jetzt durch. Es ist wie im Winter, die Angst lähmt dich, du musst da durch. Die Hunde spielen auf dem Weg, kein Mensch weit und breit. Dann springen sie nach links vom Weg runter. Ungefähr da, wo sie aus der Sicht verschwinden, kreuzen sich zwei Wege. Da ist bestimmt jemand, die gehören bestimmt zu jemandem. Du läufst jetzt weiter.

Also lief ich weiter. Hatte Angst. Dann kam die Stelle, wo die Hunde hätten sein müssen, aber sie waren nicht da. Dann kam der Weiher, vom Nebel bedeckt und verschlafen. Ich atmete durch und lief zurück. Als ich zum nächsten Wegstück einbog, blieb ich stehen. Vor mir, keine fünfzig Meter, ein Reh, es springt zur Seite in den Wald, und während ich lächle, kommt von der anderen Seite ein zweites raus und überquert den Weg. Ich hätte sie nicht gesehen, wenn ich meinen Weg wegen der Hunde verändert hätte, wenn ich vor der Angst weggelaufen wäre.

Heute war es am Abend zu früh für die Rehe, noch zu hell. Noch nicht einmal ein Fuchs, die sonst öfter auftauchen. Heute einfach nur ein ruhiger Lauf, an all den Stellen vorbei, die mit Erinnerungen verbunden sind an die Zeit, als jeder Schritt wehtat und jeder Besuch im Wald eine Flucht war.  

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